Materialien V

Modell für eine nachhaltige Produktionsplanung und  Kulturentwicklung. (NPPK) 

 

Die Debatte um Nachhaltigkeit prägt in den letzten Jahren die gesellschaftliche Diskussion über landwirtschaftliche Anbausysteme. Als Leitbild der Agenda 21 ist ihre Umsetzung auch für den Baumschulbereich eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Bearbeitung der Fragen, die sich vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Baumschulwirtschaft stellen, erfordern einen Forschungsansatz, der den Zielen der Nachhaltigkeit entspricht. Gleichzeitig ist ein solche Forschungsansatz auch eine Chance, unterschiedliche Aktivitäten in einem gemeinsamen Rahmen zusammenzuführen. Dieses ist gerade bei der Forschung im Bereich Baumschule wichtig, da wegen der Vielzahl von Kulturen und Produktionsbedingungen verallgemeinernde Aussagen nur selten möglich sein werden.

Nachhaltige Produktion bedeutet auf einer allgemeinen Ebene, daß diese Form der landwirtschaftlichen Nutzung ihre eigenen natürlichen Grundlagen und ihre weiteren Voraussetzungen langfristig erhalten und entwickeln muß.

Baumschulen nutzen die Leistungen des Standortes und müssen sein Leistungspotential für die Zukunft erhalten und weiterentwickeln, um nachhaltig zu wirtschaften. In einem engeren Sinn ist damit die Erhaltung und Entwicklung der biotischen und abiotischen Standortfaktoren und die Optimierung ihres Zusammenspiels gemeint. In einem weiteren Sinn gehören auch andere Produktionsfaktoren, wie die ökonomischen, personellen und maschinellen Bereiche des Betriebes zu den Voraussetzungen der Produktion und müssen gleichfalls erhalten und entwickelt werden. Damit nachhaltige Bewirtschaftung des Standortes auch eine nachhaltige betriebliche Entwicklung sichert, muß sie deshalb auch ökonomisch nachhaltig sein.

Die Idee einer nachhaltigen Produktion basiert auf 3 Säulen, um einseitige Problemlösungen zu vermeiden. Reine individuelle betriebswirtschaftliche Lösungen - beispielsweise Kostensenkung - führen oft zu ökologischen und sozialen Problemen mit gesellschaftlichen Folgekosten. Reine ökologische Forderungen nehmen häufig keine Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation und können deshalb nicht umgesetzt werden. Wirklich nachhaltige Lösungen, die zunächst wissenschaftlich erarbeitet, dann in die Praxis umgesetzt werden sollen, müßten drei Bedingungen in einer zeitlichen Dimension gleichermaßen erfüllen. Der Betrieb muß qualitativ hochwertige Produkte mit einer tragfähigen ökonomischen Perspektive erzeugen, ohne daß es negative ökologische Folgen hat.

Diese drei Anforderungen bedeuten für eine

·        Nachhaltige Kulturentwicklung, daß die Kulturen auf Dauer mit einwandfreier innerer und äußerer Qualität ohne Beeinträchtigung herangezogen werden können, ohne negative Folgen auf die Umgebung

·        Nachhaltige Standortbewirtschaftung, daß die Produktivität des Bodens und der anderen Standortfaktoren ohne weitere ökologische Beeinträchtigungen, wie z.B. Auswaschung von Stickstoff oder PSM-Rückstände entwickelt wird

·        Nachhaltige Betriebsentwicklung, daß der Betrieb unter Beachtung der qualitativen und ökologischen Anforderungen eine tragfähige ökonomische Perspektive entwickeln und umsetzen kann.

Diese drei betrieblichen Entwicklungsstränge erfordern auf der theoretischen Seite eine Produktionsplanung, die den Anforderungen der Nachhaltigkeit genügt und auf der praktischen Seite ihre Umsetzung in nachhaltige Kulturführung. Die übliche Produktionsplanung ist häufig eher eine ökonomisch orientierte Anbauplanung und Kostenrechnung auf Basis der betrieblichen Flächenkapazität und der anzubauenden Kulturen. Eine Produktionsplanung mit nachhaltiger Wirkung muß diese Anbauplanung um zusätzliche Dimensionen erweitern. Sie ist ein Optimierungsprozeß der drei Elemente Qualität, Ökonomie und Ökologie, der sowohl auf kurz- und mittelfristiger Ebene (Vegetationsperiode und Kulturdauer) wie auch auf langfristiger Ebene der Entwicklungsziele im Produktionsprozeß umgesetzt werden muß.

Voraussetzung für die Planung einer nachhaltigen Betriebs- und Standortentwicklung ist eine sich ständig erweiternde und aktualisierende Datenbasis in den Bereichen innere und äußere Qualität der Gehölze, Ökonomie (Betrieb und Markt), Ökologie mit den entsprechenden Methoden der Datenerhebung und -beschaffung.  Außerdem sind als weitere Grundlage Planungstechniken erforderlich, die diese Datenbasis zielgerichtet nutzen. In der Umsetzung der Planungen benötigt der Betrieb zusätzlich auf den verschiedenen zeitlichen Ebenen

-          Informationen und Bewertungsmaßstäbe zur Überwachung und Kontrolle der Realisierung der Planungen

-          Handlungsvarianten und Methoden zur Steuerung und Regulierung ihrer Umsetzung.

Zwischen nachhaltiger Produktionsplanung  und Kulturführung herrscht ein dialektisches Verhältnis.

Die beschriebenen Anforderungen an die Planung und Durchführung einer nachhaltigen Betriebs- und Standortentwicklung können nicht von Einzelbetrieben allein erfüllt werden. Daher ist es für verschiedene Gruppen von Produzenten und den ihnen zur Seite stehenden Beratungsinstitutionen sinnvoll und hilfreich, über ein Modell zu verfügen, mit dem die Betriebe ihre Entwicklung, ihre Produktion und die Standortverbesserung langfristig planen und steuern können, mit dem sie den gegenwärtigen Zustand ihrer Kulturen, des Bodens und seiner Eigenschaften, des natürlichen Umfeldes und seiner Eigenschaften erkennen und bewerten können, mit dem sie also Fehlentwicklungen entdecken aber auch korrigieren können und das ihnen darüber hinaus Informationen und Daten liefert, das Modell zu optimieren. Diese Zielvorstellung muß mit relativ einfachen Indikatoren arbeiten, damit sie in der Praxis handhabbar sind. Erforderlich sind zwei Gruppen von Indikatoren, schnell meßbare kurzfristige Indikatoren, damit auch kurzfristige Anpassungen - wie über das Flächenmanagement - möglich sind und zusätzlich eindeutige langfristige Indikatoren, damit der Betrieb den jeweiligen Stand der Entwicklung beurteilen kann.

Das Ziel der theoretischen Überlegungen und Forschungsaktivitäten ist ein Modell für eine nachhaltige Produktionsplanung und  Kulturentwicklung. (NPPK) Das Modell soll in erster Linie für Bewertungen und Entscheidungsprozesse in Betrieben entwickelt werden. Einzelne Bestandteile des Modells können zusätzlich auf der Ebene von größeren räumlichen Einheiten (Ausschnitte einer Landschaft) für Planungsinstitutionen Informationen für Planungs- und Entscheidungsprozesse bereitstellen (z.B. mögliche Veränderungen des Gebietswasserhaushaltes)

Grundlage des Modells sind die Kategorien: Ziele, Daten und Methoden. Die  Ziele leiten sich aus den Prinzipien der Nachhaltigkeit ab. Daten und Methoden werden als Instrumente der Analyse und Bewertung sowie der Planung und Durchführung eingesetzt. Dazu gehören auch die Methoden der Datenerhebung und Beschaffung. Die Kategorien Daten und Methoden haben auf den Ebenen Planung und Durchführung unterschiedliche Eigenschaften und Funktionen.

Im Planungsprozeß

-          werden Ziele für die langfristige Entwicklung des Betriebes und des Standortes formuliert und im Rahmen der Nachhaltigkeitsprinzipien auch bei Entscheidungen mit mittel- und kurzfristigen Auswirkungen berücksichtigt. Sie können zu berechneten Zielgrößen werden, aus dem betrieblichen Potential entwickelt oder individuell gesetzt werden.

-          sind Daten in unterschiedlichen Verknüpfungen und Verallgemeinerungen Instrumente der Analyse und Bewertung. Sie sind als Stammdaten (wie Lage des Betriebes, Fläche, Boden,Grundwasser, Klima) und Verlaufsdaten (Flächenaufteilung, Anzahl und Art der Kulturen, Personalbestand, Maschinenausstattung) und individuell gesetzte Daten Grundlage der

-          PlanungsMethoden, die aus Entscheidungsprozessen auf der Basis von einfachen und gekoppelten Ist/Soll/Vergleichs- und Optimierungstechniken bestehen und zielgerichtet den Entwicklungsprozeß vorbereiten und begleiten.

Im Rahmen der Durchführung werden

-          die Planvorgaben zu konkreten Zielen

-         die Daten zu direkten und indirekten Indikatoren. Sie haben haben folgende Funktionen:

-         Analyse des jeweiligen aktuellen Ist-Zustandes

-         Bewertung dieses Zustandes und damit

-         Kontrolle der Umsetzung der Ziele aus der Planung auf allen zeitlichen Ebenen

-         Entscheidungsgrundlage für eventuelle nötige Anpassungs- oder Optimierungsprozesse der Planung (Rückkopplung)

-         die Methoden zu Kulturtechniken und kulturbegleitenden Maßnahmen mit möglichen Alternativen, aber auch zu vorbereitenden, investiven Handlungen, die in Abhängigkeit von den jeweiligen Indikatoren eingesetzt werden können und deren Erfolg mit ihnen analysiert und bewertet werden kann. Sie steuern und regulieren den Produktionsprozeß und entwickeln den Betrieb und Standort.

 

Sie setzen auf drei zeitlichen Ebenen an,

·        einer langfristigen Dimension, in der vor allem Entwicklungsziele verfolgt werden, im Vorfeld und parallel Planungsprozesse ablaufen und Vermeidungsstrategien entwickelt und ausgeführt werden

·        einer mittelfristigen Dimension (Kulturdauer), in der vor allem der Stand der Entwicklungsziele und die Realisierung der Planungen und Vermeidungsstrategien überprüft, im Ergebnis über Rückkopplungen eine Änderung der Planungen/Vermeidungsstrategien und eine Anpassung der Entwicklungsziele stattfinden kann

·        einer kurzfristigen Dimension (Vegetationsperiode), in der vor allem im Rahmen der Kulturführung regulierende Eingriffe stattfinden und situationsbedingte Störungen bearbeitet werden.

Umsetzung und Ausarbeitung

Ein gemeinsamer interdisziplinärer  Forschungsansatz macht es möglich

-          Schon vorhandene und noch zu erarbeitende Ergebnisse zu verknüpfen und damit

-          Lösungen situationsbedingt und standortgerecht abzuleiten bzw.

-          Zu erkennen, daß die Datengundlage für eine bestimmte Frage nicht ausreicht um dann

-          Neue Untersuchungen, Versuche zielgerichtet durchzuführen

Für das Konzept der NPPK verbessert ein gemeinsamer Rahmen im Verlauf die Datengrundlage, damit wird das Konzept selbst ständig optimiert. Da das Konzept als Baukastensystem (modular) aufgebaut ist, können einzelne Module auch unabhängig vom Konzept eingesetzt werden. Daher ist der gemeinsame Forschungsansatz auch dann von Nutzen, wenn das Konzept selbst in seiner Gesamtheit nicht übernommen wird.

 

Heike Bohne                                                                                   Dietmar Schlüter

 

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